Mord & Totschlag §

Wie die Idee von der Raubkopie den Markt verändert, was Raubkopien sind, was sie bewirken und wer darunter leidet.

Der Film

Neulich habe ich mir einen schlechten Film auf DVD gekauft. Das war nicht weiter schlimm, denn erstens wusste ich, dass der Film schlecht ist und zweitens hat er nicht viel gekostet. Wieso kaufe ich einen schlechten Film? Klar - ich wollte wissen wie schlecht er ist. Egal, Spaß beiseite - ich kaufte mir einen Film.

Und genau hier beginnt das Problem, denn ich kaufte mir natürlich keinen Film, das könnte ich mir gar nicht leisten. Ich kaufte mir eine DVD mit einem Film darauf und das Recht, mir diesen Film anzusehen. Wenn ich beschreiben wollte welche Rechte ich damit erwarb und welche Rechte ich damit unter keinen Umständen erhielt, wäre diese Seite schneller voll als ich schreiben kann. Worum geht es denn nun wirklich?

Diese DVD war die letzte DVD, die ich in absehbarer Zeit erwarb. Was sieht man, wenn man heute eine DVD mit einem Film darauf in den DVD-Player einlegt? Früher gab es Werbung für andere Filme, die man teilweise nicht überspringen konnte - das war schon recht unangenehm. Aber heute? Heute wird der Konsument (in diesem Fall also ich) zunächst verdächtigt, belästigt, beleidigt, bedroht und verunglimpft! Den Film habe ich mir danach nur angesehen, weil ich nunmal das Recht erworben hatte, ihn anzusehen.

Die Räuber

Was ist ein Raub? Wie olle Franzi sagen würde: 'Schaumermo, dann werrmer sehn.'. Ein Raub ist, wenn ich es einfach zusammenfassen darf, ein Diebstahl (jemandem wird etwas, das er besitzt weggenommen) unter Anwendung von Gewalt (physisch und/oder psychisch). Beim Raub nimmt das Opfer doppelt Schaden:

  • Es geht der gestohlenen Sache verlustig
  • Es wird physisch und/oder psychisch beschädigt

Nun, ehrlich gesagt, ich kenne mich in der Raubkopiererszene nicht wirklich aus. Vielleicht sollte ich darum hier aufhören. Andererseits habe ich ein Gehirn. Also versuche ich die Kenntnislücken zu schließen. Wenn einer Rechteverwertungsgesellschaft ein (sagen wir einmal) Film geraubt wird. Könnte ich das feststellen? Nein? Aber sicher doch. Ich würde in Presse, Funk und Fernsehen davon lesen und hören:

"Am gestrigen Abend haben Räuber die Firma XYZ überfallen, sind gewaltsam in den Firmensitz eingedrungen und haben die Rechte an dem Film ABC gestohlen. Bei diesem brutalen Überfall wurde der Besitzer oben genannter Rechte, Herr 123, niedergeschlagen. Er liegt im Krankenhaus und wird stationär behandelt. Wie ein Firmensprecher erklärte..."

Haben Sie schon einmal so etwas gehört oder gelesen? Nein? Dann hat auch noch nie einer einen Film oder ein Musikstück geraubt. Kann mir jemand erklären, wie man ein Verwertungsrecht raubt?

Die Rechteverwertungsindustrie wird nicht müde, die Raub-Fabel zu bemühen, zu behaupten, dass die Kultur unter Raubkopien zusammenbrechen würde und dass Milliarden wertvoller Dollar verloren gehen, wegen Raubkopien - einer Sache also, die es gar nicht gibt. Wohingegen ich mir gut vorstellen kann, was ein Kopierraub ist.

Was ist mit den Milliardenverlusten? Nichts! Man kann nichts verlieren, was nie existiert hat. Einerseits beruhen die Zahlen für die Gleichung zur Verlustberechnung auf Hypothesen, nämlich Hochrechnungen. Andererseits ist die Formel falsch, so falsch, dass es einen Betriebswirtschaftler in den Wahnsinn treiben muss. Wie wird gerechnet?

Arbeitsthese: Eine Raubkopie ist eine illegal hergestellte Kopie eines Produktes.

Ein Mensch kopiert einen Film. Diese Kopie verkauft er an einen anderen Menschen für wenig Geld, sagen wir 1,-. Der Rechteverwerter sieht nie etwas von dem Geld, denn der Kopierende gibt nichts von seinem Erlös ab. Hätte der 'Kunde' des Kopierenden den Film im Laden gekauft, hätte er dort 40,- bezahlen müssen.

Das Geld, das der 'Kunde' bezahlt hat können wir ausser Acht lassen, denn dafür werden keine Steuern bezahlt, dafür wird nichts an den Künstler weitergeleitet und der Rechteverwerter bekommt auch nichts.

Der 'Kunde' des Kopierers hat danach eine illegale Kopie eines Produktes. Er ist also technisch in der Lage, dieses Produkt zu verwerten (Film ansehen, Musik hören, ...). Ob er weiss, dass er kein Recht dazu hat oder nicht, lasse ich einmal dahin gestellt. Der Rechteverwerter reklamiert nun, der Welt, also dem Markt als solchem, der westlichen Kultur und seinen Mitarbeitern sowie ihm selbst seien 40,- verloren gegangen. Die Rechung geht also so:

Verlorenes Glück = Angenommene Anzahl illegaler Kopien * Gewünschter Preis des Nutzungsrechts.

Er untersucht nicht ob

  • Der 'Kunde' das Produkt überhaupt benutzt
  • Der 'Kunde' 40,- für die Rechte gehabt hätte

Ich habe gelesen, dass es Tauschbörsenbenutzer geben soll, die hunderte oder mehr Musikstücke, CD-Kopien, Filme auf ihren Computern speichern, für die sie kein Nutzungsrecht besitzen. In meinen Erinnerungen wurde einmal ein Interview abgedruckt, in dem behauptet wurde, dass einzelne solche Sammler die Industrie um Hunderttausende geschädigt hätten. Spätestens an diesem Punkt muß jedem Menschen mit Gehirn klar werden, dass hier lediglich plumpe Propaganda betrieben wird. Diese Leute haben das Geld gar nicht, sie hatten es nicht und sie werden es vermutlich niemals haben. Also ist auch niemand um dieses Geld betrogen worden, es hat nämlich niemals existiert.

Ein zweites und letztes Beispiel. Ein Chinese, der 100 Euro im Jahr verdient, erwirbt eine illegale Kopie einer Musik-CD auf einer Audiokassette. Hätte er 30,- Euro gehabt, um die CD zu kaufen und 70,- Euro für den CD-Spieler? Ich glaube es nicht. Hier hat also niemand etwas gestohlen bekommen. Nur der 'Kunde' ist nicht berechtigt, die Musik auf seiner Kassette anzuhören. Wenn er es dennoch tut, macht er sich im Sinne der Rechtslage in Europa und den USA strafbar. Er ist also betrogen worden, denn er hat Geld für ein Gut bezahlt, das er nicht erhalten hat - das Nutzungsrecht. Geschädigt ist also der 'Kunde' des Kopierenden. Dem Rechteverwerter ist zunächst kein Schaden entstanden, denn er wird von diesem 'Kunden' niemals Geld sehen. Allerdings hat der Rechteverwerter einen potentiellen Nutzen. Denn das Werk, an dem er die Rechte hat, verbreitet sich in Regionen, die nie zuvor ein Rechteverwerter gesehen hat. Und dort finden sie vielleicht einen Kunden, der in der Tat Geld an den rechtmässigen Rechteinhaber zahlt, was er ohne die illegale Kopie nie getan hätte weil er das Produkt anders niemals kennen gelernt hätte.

Böse Zungen behaupten, Microsoft sei auf diese Weise so erfolgreich geworden. Diese Behauptung wird von Microsoft zwar nicht bestritten (soweit mir bekannt), kann aber durchaus als Spekulation betrachtet werden.

Die Opfer

Wer aber sind denn nun die Opfer? Meine Thesen. Spekulation, allesamt:

Die Kunden

Durch die Musikindustrie gegängelt, die ohne Wettbewerb Fantasiepreise für Nutzungsrechte verlangen kann, bezahlt der Kunde mehr als die Sache wert ist. Er kann sich für sein Geld, so er welches hat, deswegen gleich noch weniger Verwertungsrechte (Filme, Musikstücke, ...) kaufen. Er verarmt materiell und kulturell.

Die Künstler

Infolge der Marktmacht der Verwertungskonzerne, sind sie die Sklaven der Rechteindustrie. Einige von ihnen werden reich. Ich meine: Nur um die anderen besser am Gängelband zu führen, die tatsächlich glauben, auch reich werden zu können, wenn sie lieb sind. Das dürfte einer der Gründe sein, wieso die Industrie Kinder und Jugendliche aus dem Sandkasten holt und mit ihnen Plattenverträge macht. So schaffen sie Idole und damit eine unendlich grosse Masse an willigem Material, das lieb und treu ein Leben lang auf seine Chance wartet.

Die Kultur

Die grossindustrielle Verwertung von Rechten und der quasi fehlende Wettbewerb, verhindern, dass Künstler nach ihrem Können - nämlich durch das Publikum - bezahlt werden. Die meisten Künstler haben nie eine Chance ihre Werke verlegt zu bekommen. Und die Marktübersättigung mit künstlich aufgebauten Stars führt zu einer zunehmenden Abstumpfung der Massen und so zum Niedergang der westlichen Hochkultur.

Der Markt

Keine Konkurrenz = keine Entwicklung.

Der Staat

Keine Entwicklung = sinkende Wirtschaftsbasis = geringere Steuereinnahmen und mehr Arbeitslose.

Die Anliegen

An die Rechteverwerter

Da man mit Euch nicht vernünftig reden kann, habe ich Euch nichts zu sagen

An die Staaten

Schafft das Raubrittertum der Rechteverwertung ab! Befreit die Künstler, die Kultur, den Markt und Euch selbst vom Diktat starrköpfiger Raubritter. Von Leuten, die allein erziehende Mütter verklagen anstatt ihnen beizustehen und das 'im Namen der KUNST?' Was muss passieren, damit die Staaten diesen Wegelagerern endlich die Richtung weisen? Was exakt? Das interessiert mich wirklich.

An die Menschen

Lasst den Rechteverwertungskonzernen etwas Muse zum Nachdenken! Kauft keine Videos, DVDs, CDs usw.

Gebt den Künstlern eine Chance! Hört oder seht Euch PodCasts an. Spendet den Künstlern, die Kunst machen, nicht den Konzernen, die uns verdächtigen, belästigen, beleidigen, bedrohen und verunglimpfen.

- 06.04.2010 bis 19.08.2011 -

Gedacht